Die gefleckten Pferde und Ponys werden heutzutage häufig belächelt und als moderne Erscheinung
abgetan. Das dem nicht so ist, lässt sich doch relativ leicht belegen! Also, fangen wir mal ganz am
Anfang an.
Das Pferd tauchte nicht plötzlich als fertiges Lebewesen auf diesem Planeten auf, sondern durchlief
langwierige Prozesse der Entwicklung - in Auseinandersetzung mit der Umwelt, zum Beispiel dem
Absinken der Temperaturen oder Nahrungsumstellungen - und veränderte dabei ständig seine
Gestalt im Laufe seiner stammesgeschichtlichen und biologischen Entwicklung aufgrund von
Mutation und Selektion.
Diese Evolution der Pferde kann durch Fossilien fast lückenlos bis zum ältesten bekannten Vorläufer
des Pferdes vor 40-50 Millionen Jahren, dem auf fünf Zehenstrahlen gehenden nordamerikanischen
Eohippus - was "Pferd der Morgenröte" bedeutet -, zurückverfolgt werden.
Nach so viel Prähistorie und Evolution bleibt dennoch eine Frage offen:
Woher stammen nun eigentlich die Gene für die Tigerscheckmusterung?
Lange ehe die Menschen Pferde domestizierten, gab es bereits gefleckte Pferde. Der Ursprung
datiert sich in die Altsteinzeit (Jungpaläolithikum 35.000 v. Chr. bis 8.500 v. Chr.) zurück. Als
Nordeuropa noch von einer riesigen Eisschicht bedeckt war, grasten zahlreiche Herden wilder Pferde
auf den Flächen, die vom Eis schon befreit waren und wo langsam ein Baumbestand zu wachsen
begann.
Dennoch gab es damals nicht nur, wie allgemein angenommen wird, Wildpferde in der typischen
mausfalben Wildpferde-Farbe, sondern auch gesprenkelte, gefleckte und sogar gestreifte
Exemplare. Diese bunten Fellmuster dienten den Pferden vermutlich schon in prähistorischer Zeit als
Tarnfarbe.
Höhlenzeichnungen in Europa lassen vermuten, dass Pferde in der frühen Steinzeit dort sehr häufig
waren. Die ältesten Beweise für die Existenz der getigerten Fellfarbe findet man bereits bei den
Darstellungen von Pferden mit getupftem Fell auf den Höhlenmalereien und Ritzzeichnungen, deren
Alter die Archäologen auf 18.000 Jahre vor Christi Geburt schätzen.
In den Höhlen von Lascaux und Peche Merle im Südwesten Frankreichs befinden sich Zeichnungen
an den Wänden, auf denen man deutlich die Tigerscheckmusterung als Fellzeichnung sowie die
Grundfarbe Weiß, Rot- oder Hellbraun mit dunklen, symmetrischen Punkten erkennen kann.
Diese dargestellten Steinzeit-Pferde sind ein eindeutiger Beweis, dass gefleckte Pferde zu den
Urvätern aller weiteren Pferdegenerationen gezählt werden müssen und die Tigerscheckung und
damit auch die Weißfärbung kein Domestikationszeichen sind, sondern Urfarben!
Diese Malereien legen Zeugnis darüber ab, dass gefleckte Pferde lebten, lange bevor es schriftliche
Überlieferungen gab. Diese Urpferde sind höchstwahrscheinlich die entfernten Vorfahren unserer
heutigen Tigerschecken.
Noch wahrscheinlicher ist die Erklärung, dass diese Tiere vermutlich am Eisrand lebten und sich
durch eine Weißverfärbung als Tarnfarbe - analog zum Schneehasen oder Schneeleoparden -
farblich, aber auch körperlich - ähnlich wie beim heutigen Jakuten- und Altai-Pony - ihrer
Umgebung angepasst haben.
So konnten die getigerten Urpferde in einer Landschaft überleben, in der sie ideal getarnt waren.
Nach dem Rückzug der Eismassen mischten sie sich mit den einwandernden einfarbigen Pferden,
woraus dann vermutlich weitere getigerte Farbvarianten entstanden. Durch die Wanderungen der
Wildpferde fand diese getigerte Fellfärbung weitere Verbreitung.
Als Jahrtausende später die Pferde domestiziert wurden und mit ihrer Hilfe ganze Weltreiche und
Völker zusammengehalten wurden, war die Veranlagung für die getigerte Fellfarbe bereits
vorhanden und konnte durch züchterische Auswahl begünstigt werden.
Fazit:
Die Erbmasse für das gesprenkelte Fell ist so alt wie die Spezies Pferd selbst!
Die getigerte Fellfarbe war niemals ein Kriterium der Natur zur Auslese, sondern eher als
Tarnfarbe zum Überleben und Fortbestehen geeignet. Und im Pony lebt das Urpferd fort!
Am Beispiel solcher noch heute bestehenden und teilweise getigerten Ponyrassen wie dem
Altai- und Jakutenpony ist mehr als offensichtlich zu erkennen, dass getigerte Pferde- und
Ponyrassen seit Jahrtausenden bis in die heutige Zeit unter härtesten Bedingungen ihren
knallharten Überlebenswillen bewiesen haben - trotz ihrer Flecken und Punkte!
Copyright Text by Annette Rahn und Fotos by Ivana Rahn
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